Samstag, 15. Oktober 2016

Buchtipp: "The Journalist" von Sylvia Oldenburg-Marbacher

In "The Journalist" von Sylvia Oldenburg-Marbacher, erschienen 2016, entwickelt sich die Beziehung einer Journalistin und eines Journalisten, die auf der Suche nach der Wahrheit in ihre Tragödie schlittern. Schauplatz ist Finanzplatz Nummer 1 der Schweiz, die Stadt Zürich der Gegenwart.

Kontext der Story bilden internationale Politintrigen und allem voran die mediale Manipulation der Menschen durch die Mächtigen; diese thematisieren unter anderem die Dialoge der Protagonistin und des Protagonisten. Vor dem leider sehr realen zeitgenössischen Hintergrund entwirft die Autorin ein Ideal von Journos, das rar geworden ist. Dieser ideale Journalismus inkarniert in "The Journalist" als "Swiss Independent" (SI), ein kleines Medienunternehmen, das sich der kritischen Berichterstattung verschrieben hat.
Schuldig bleibt die Autorin die Antwort auf die Frage, wie sich dieser feine, aber kleine Idealjournalismus finanziert und im Wettbewerb gegen die von Konzernen und Lobbyisten geschmierte beziehungsweise gegen die systembedingt mit finanziellen Mitteln großzügig ausgestattete Konkurrenz bestehen soll. Oder aber sie lässt hier der Fantasie der geneigten Leserinnen und Leser bewusst Spielraum (auf dass diese mit ihrer Kreativität dazu beitragen, eines der größten gegenwärtigen Probleme zu lösen, mit dem die Konsum- und Spaßgesellschaft den unabhängigen, kritischen Journalismus tagtäglich konfrontiert: die finanzielle Knappheit).

Der Geheimdienst im Visier

Wenig schmeichelhaft inszeniert wird der US-Auslandsnachrichtendienst "Central Intelligence Agency" (CIA): Gezeichnet wird das Bild einer Organisation mit gravierenden Führungsmängeln respektive personellen Fehlbesetzungen (trotzdem stinkt der Fisch vom Kopf her). Anti-Amerikanismus ist aber nicht im Spiel. Denn als Antipode zur verrufenen CIA firmiert die Protagonistin mit der SI als amerikanische Staatsbürgerin und vorbildliche Journalistin. Jedoch nimmt die Autorin die Krake des militaristisch-autoritären Staates (des militärisch-industriellen Komplexes) ins Visier, der mit seinen ungezählten Geheimdiensttentakeln selbst in der Schweiz nach ihm politisch Missliebigen wie der Protagonistin zu greifen versucht. Derweil muss deren Kollege aus der Schweiz ihrer Tragödie ohnmächtig zusehen. An dieser Stelle bemerkenswert ist die feingesponnene Beziehung, die sich zwischen der Protagonistin und dem Protagonisten entwickelt und sich wie ein roter Faden durch ihre Story schlängelt.
Last not least: es ist die feministische Sicht auf patriarchal bis machistisch geprägten internationalen Politfilz, mit dem die Story gnadenlos abrechnet. Gut so. Es ist aber nicht einmal ansatzweise ein blindwütiges "feministisches" Traktat gegen den Mann an sich - jedenfalls zeichnet sie auch den kultivierten, intelligenten Mann, der in Gestalt des Protagonisten auftritt. Danke.

Fazit: sehr empfehlenswert

Diese Story bringt persönlich mehr als nur einen Moment der Reflexion gegenwärtiger medialer, politischer und gesellschaftlicher Brennpunkte oder eine süffisante Demontage der CIA und machistischen Halbaffentums. Am Ende bin ich als Leser offen - für eine Fortsetzung, für eine Entwicklung, für den Gegenschlag des Protagonisten. Offen für eine Entwicklung, die in der Realität spielt. Ich brauche nur die internationalen Medien zu lesen, und die Story geht fürs erste weiter. So gesehen ist "The Journalist" für den passionierten Leser internationaler Berichterstattung ein (zum Nachdenken) anregender Boxenstopp.
Mein Urteil: sehr empfehlenswert. Wenn dich Journalismus interessiert, du kritisch über die Gegenwart nachdenkst, du auch mal westliche Werte und Medien hinterfragst, wenn Politik und internationale Intrigen dein waches Interesse anregen und dir Geheimdienstüberwachung und Unterdrückung der freien Berichterstattung unter die Haut gehen, dann ist "The Journalist" die angesagte Adrenalin-Spritze. Durch seine Kürze (99 Seiten) eignet sich "The Journalist" gut auch als Reiselektüre.


Copyright © Christian A. Natiez (Schweiz)