Montag, 22. Juni 2015

Mobile: Warum Amazon zweite Wahl ist

Anfang des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende benutzte ich Amazon gelegentlich zum Erwerb von Büchern. Sie waren günstiger als in der lokalen Buchhandlung, und in der Ausbildung zählt jeder Cent. Später entschied ich aber, Amazon links liegen zu lassen (stattdessen bediente ich mich der Zürcher Buchhandlung Buchundton.ch, deren eigener Webshop inzwischen aber eingestellt ist und an eine andere Online-Buchhandlung verweist).

Meinem Entscheid lag ein ganz übler Schachzug von Amazon im Kampf um Marktanteile bei eBooks zugrunde:

Seit der Jahrtausendwende benutzte ich Mobipocket.com, ein eBook reader und Online-Store. Ich besorge vor allem Fremdsprachen-Wörterbücher. Sie waren DRM geschützt und liessen sich auf vier Geräten gleichzeitig installierten, zum Beispiel auf dem PC, dem Laptop und einem PocketPC oder einem Symbian Mobiltelefon.
Eines Tages machte die Kunde die Runde, dass Amazon Mobipocket.com gekauft hat. Freude herrschte, denn damit, so dachte ich, würde das eBook-Angebot von Mobipocket.com mit jenem von Amazon zusammen gelegt und meine Bibliothek von bei Mobipocket.com gekauften eBooks dereinst wahrscheinlich in mein Amazon-Konto integriert. Weit gefehlt. Bei Amazon waren keine Entwickler am Werk sondern Manager.
Mobipocket.com lief noch einige Zeit lang normal weiter nach der Akquisition durch Amazon, als ob nichts wäre. Je länger aber nichts mehr geschah, je länger keine Updates des Mobipocket-Readers mehr erschienen, je länger auch keine Mitteilungen über Auswirkungen der Übernahme durch Amazon, desto klarer manifestierte sich der Verdacht, dass Amazon mit dem Kauf von Mobipocket.com, das damals im Bereich der eBooks absolut führend war und selbst für Amazon damals eine bedrohliche Konkurrenz darstellte, nicht so sehr die Übernahme des Mobipocket-Onlinestores und der bestehenden Mobipocket-Kunden angestrebt haben dürfte sondern eher einfach unliebsame Konkurrenz ausschalten wollte, um die Bahn für den eigenen eBook-Webstore und den eigenen Reader, heute bekannt unter dem Namen "Kindle", frei zu machen...

Konkret tat sich bei Mobipocket.com nach der Übernahme durch Amazon einfach nichts mehr. Die Website wurde belassen, wie sie zum Zeitpunkt der Übergabe war und, wie bereits gesagt, auf Versionen des Readers für Android und iPhone wartete man vergeblich. Auch darauf, dass die bestehende Bibliothek von bezahlten Mobipocket-eBooks via Amazon Kindle auf Android und iPhone nutzbar würde, wartete man vergeblich.

Nochmals: wozu hat Amazon Mobipocket.com übernommen, wenn Mobipocket.com darauf nicht mehr weiter entwickelt wurde? Offenbar nicht, um die bestehenden Mobipocket-Infrastruktur und -Kunden zu übernehmen, sondern um die Mobipocket-Infrastruktur als unliebsame Konkurrenz kalt zu stellen. Dass die bestehenden Mobipocket-Kunden im Regen stehen gelassen wurden ohne Versionen des Mobipocket-Readers für Android und iPhone und auch ohne Zugang zu ihrer Mobipocket-Bibliothek via Amazon, scheint vor allem ein auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtetes Kalkül des Amazon-Managements gewesen sein. Als Amazon dann vor einigen Jahren wegen problematischen Arbeitsbedingungen im Versand, aber auch wegen vereinnahmender Tendenzen als Verleger in die Medien geriet und darob harte Kritik und selbst Kundenabgänge hinnehmen musste, sah ich mich einfach an die schon bei der Übernahme von Mobipocket.com festgestellte "Kundenorientierung" erinnert. Aber auf die miserablen Arbeitsbedingungen von Amazon konnte ich nicht mehr mit einem Boykott reagieren, denn diese Firma war bei mir nach dem Mobipocket-Debakel schon lange abgeschrieben.

Bei der jüngsten persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema eBooks und eReader war ich natürlich wieder mit Amazon und Kindle konfrontiert: ein geschlossenes Ökosystem mit entsprechend enger Kundenbindung. Aber es gibt Alternativen, und Gottseidank habe ich bisher keinen Cent für eBooks von Amazon ausgegeben, denn so wäre ich auf eReader von Amazon  oder die Kindle-App anweisen, und was solche Abhängigkeiten für Gefahren in sich bergen, wenn der Anbieter von heute auf morgen den Betrieb einstellt, hat Amazon selbst bewiesen, als Mobipocket.com nach der Übernahme einfach kalt gestellt und die bestehenden Kunden im Regen stehen gelassen wurden.
Es liegt also nahe, nach einer Alternative Ausschau zu halten. Gelegen kam Google Play Books. Ebook von Google kann man mit der Reader-App von Google oder ganz einfach mit jedem Webbrowser lesen. Alternativ lassen sie sich aber auch DRM-geschützt im epub-Format herunterladen und mit jedem mit Adobe DRM arbeitenden eReader oder einer entsprechenden App lesen, womit einem eine große Auswahl an Apps und eReadern zur Verfügung steht. Mit solchen ist auch gewährleistet, dass man aus jeder Quelle, die mit Adobe DRM arbeitet, eBooks beziehen und sie mit dem eReader lesen kann statt wie bei den Kindle-eReadern nur von einem einzigen Quasi-Monopolisten. Selbst von Bibliotheken können eBooks inzwischen ausgeliehen werden, wenn der verwendete Reader mit Adobe DRM arbeitet. Was für ein Geschenk!