Samstag, 11. April 2015

Frisch gestrichen

Frisch gestrichen

Honi soit qui mal y pense

Samstag Nachmittag, 11. April 2015, Zürich Kreis 4, wieder einmal Sirenen. Nicht dass sie noch auffielen. Aber wenn das Sirenengeheul nicht mehr hören will, ein Einsatzfahrzeug auf das nächste folgt... Ein Schelm, wer Böses denkt.

Drei Stichwörter füttere ich Google:

  • Demo
  • 11.4.
  • Zürich

Und siehe da, Google wird fündig - auf der Website des “Revolutionären Bündnisses”, revmob.ch, verheißt der aktuellste Beitrag unter dem Titel ”Wiederbelebung der Kaserne - jetzt!”:

“Seit ein paar Wochen sind die Wände des Kasernenareals im Kreis 4 in Zürich leer. Die Putztrupps der Stadt Zürich haben dabei nicht nur unter grosser Mühe Farbe entfernt, sondern auch ein Stück linke Politkultur ausradiert. Bilder und Sprüche, welche über Jahre im Kreis 4 und in den Köpfen der BewohnerInnen und weit darüber hinaus präsent waren, sind nun weg. Zeugnisse unserer revolutionären Geschichte sollten damit der Vergangenheit zugeführt werden.” (revmob.ch)

Ich erinnerte mich sofort an ein Ereignis ebenda, vor einigen Jahren, das anlässlich des 100. Frauenkampftages einige Belustigung in mir hervor rief. Die Wände der alten Kaserne waren tatsächlich wahre Galerien politischer und unpolitischer Graffiti.

Der Artikel des Revolutionären Bündnisses führt folgende Interpretation der Fassadenpflege auf dem Kasernenareal aus:

“Es ist klar, dass die Säuberung des Areals im Zusammenhang mit den Bemühungen der Stadt Zürich steht, das Langstrassenquartier näher an den noblen Kreis 1 heranzuführen. Die Europaallee als Verbindungsbrücke zwischen 1 und 4 reicht dabei alleine noch nicht aus. Nicht nur die Lagerstrasse muss schön hergerichtet werden, sondern auch das Kasernenareal gehört in den Augen der Stadt, als (noch) unbebautes Areal und zugleich Treffpunkt für viele, schleunigst geputzt. Was dahinter steht, sind die Interessen von Kapital und Profit. Die Stadt gehört offenbar nicht denjenigen, die sie bewohnen, sondern denjenigen, die sie vermarkten.” (revmob.ch)

Darauf folgt der relevante Hinweis auf den Anlass des Tages:

“Ob am 1. Mai, am 11.4. oder an allen anderen Tagen: Nehmen wir uns den Raum, der uns gehört! Mach mit beim öffentlichen Transpimalen für den 1. Mai und für die laufende TISA-Kampagne! Samstag 11.4. 14:00, Kasernenareal, Zürich” (revmob.ch)

Ein Schelm, wer Böses denkt... Und doch mache ich mich auf in Richtung alte Kaserne.

Mehrere Einsatzfahrzeuge in der Kanonengasse. Beamte mit blauen Latex-Untersuchungshandschuhen in Hinterhöfen der Kanonengasse und ausländische Frauen, die lugen. Es sieht nach einer Razzia im Milieu aus. Nichts Ungewöhnliches für das Langstrassenquartier. Dann wird das heitere Transpimalen auf dem Kasernenareal wohl noch putzmunter und unbehelligt vor sich gehen, denke ich und mache mich (trotzdem) auf, einen Blick darauf zu erhaschen.

Polizei. Einsatzfahrzeuge und Beamte verteilt im Zeughaushof.

Polizeieinsatz im Zeughaushof der alten Kaserne Zürich

Ein Dreiergrüppchen auf dem Weg zu einem Fahrzeug, in einer Hand eine Gummischrotflinte. “Häuser besetzen, Bonzen schletzen!” titelt die erste Fassade.

Frisch gestrichen

Etwas weiter vorn ein Zelt. Sieht nach einem Partyzelt aus, in dem es Getränke gab.

Frisch gestrichen

Am Boden eine Handvoll Plasticflaschen mit Wasserfarben...

Frisch gestrichen

Auch mit Farbe gefüllte Blechdosen und Pinsel stehen auf dem Boden. An die Fassade ist eine Leiter angelehnt.

Frisch gestrichen

Der Künstler war anscheinend gerade “auf dem Sprung”, als die Polizei erschien. Denn “PE” dürfte kaum als englisches Kürzel für “physical education” (Turnunterricht) stehen und ein revolutionäres Trainingsprogramm propagieren. Obwohl dies sicherlich empfehlenswert wäre. Oder doch?

Doch keine Spur von Menschen des “Revolutionären Bündnisses”, die als Vorbereitung auf den 1. Mai ein öffentliches Transpimalen veranstalteten. Sie dürften beim Erklingen der Sirenen das Weite gesucht haben, wenn sie die Veranstaltung nicht schon vorher verlassen haben, als Personen Anstalten zur gestalterischen “Fassadenpflege” machten.

Im Folgenden war nur mehr zu beobachten, wie Polizeibeamte die Hinterlassenschaft an den Fassaden der alten Kaserne und auf Straße und Wiese im Zeughaushof begutachteten.

Frisch gestrichen

Polizeieinsatz im Zeughaushof der alten Kaserne Zürich

Frisch gestrichen

Polizeieinsatz im Zeughaushof der alten Kaserne Zürich

Es ist anzunehmen, dass die Stadtpolizei Zürich Anzeige gegen Unbekannt wegen Sachbeschädigung einreichen und die Staatsanwaltschaft eine entsprechende Untersuchung eröffnen wird.

“Stop Tisa!” - hängen geblieben ist nebst den Parolen an der Kasernenfassade der Beitrag auf der Website des Revolutionären Bündnisses unmittelbar vor dem Beitrag über die Wiederbelebung der Kaserne. Demnach sei der 18. April “internationaler Aktionstag gegen Tisa”. Bekannt gegeben wird dazu, dass am 18. April, in einer Woche also, am Paradeplatz in Zürich um 14 Uhr eine Kundgebung gegen TiSA stattfinde.

Ein Schelm, wer sich Böses denkt...



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