Montag, 16. Februar 2015

Besuch im Talent Café

Besuch im Talentcafé

Seit zwei Jahren findet im jenseits IM VIADUKT in Zürich unter dem Motto «reparieren – selber machen – teilen» regelmäßig einmal im Monat an einem Samstag von 15 bis 18 Uhr das Talent Café statt. Rund 25 bis 30 Personen brachten am Samstag, 7. Februar 2015, defekte Geräte und Gegenstände zur Reparatur oder besuchten den Zeichenworkshop.

Wer an diesem Samstag das jenseits IM VIADUKT betrat, sah sich in eine große Werkstatt mit Bar versetzt: rechts vom Eingang wachsten zwei Männerhände gerade ein Snowboard frisch, links saßen zwei Frauen in der Coaching-Ecke auf Sofas und lasen zusammen psychologische Fachliteratur, geradeaus wartete auf dem Nähtisch eine Nähmaschine auf Kleidungsstücke, Taschen und andere Stoffprodukte, auf dem anschließenden Tisch unterzog ein Elektronikfachmann den Laptop eines Mannes einigen Tests und ein zweiter Elektroniker öffnete einen alten Plattenspieler, während vis-à-vis zwei Frauen Specksteine bearbeiteten und ganz hinten, im Licht der Fenster, Frauen und Männer im Zeichenworkshop auf große Papierbogen mit Bleistift Stillleben zeichneten – eine Flasche Wein mit einem Glas.
Einen warmen Empfang bereitete zudem die Bar: Laut Karte bietet sie nebst Bier und Wein auch Mineralwasser, Tee, Kaffee, der mit einem Stück Schokolade serviert wird, und Kuchen – Gebäck fand sich aber auch auf den Werkstatttischen und wurde regelmäßig nachgeliefert.

Besuch im Talentcafé

Zur Absicht hinter dem Talent Café sagte die Organisatorin, Sylvia Sperka: «Das Talent Café ist eine Plattform für die Kultur, dass man Dinge reparieren kann, alten Dingen wieder Leben einhaucht, und sie soll Möglichkeit bieten, das machen zu können. Weshalb eine Kaffeemaschine entsorgen, wenn nur ein Wackelkontakt ist, aber man nicht ran kommt, weil man sie nicht öffnen kann? Da braucht es Fachleute, die wissen wie.»
Ist das Talent Café ein klassisches Repaircafé? Sylvia Sperka sagt: «Die Dachorganisation Repaircafé ist ursprünglich in Holland entstanden und Repaircafés gibt es überall. Unser Projekt ist eigentlich aus dieser Idee heraus entstanden, aber wir haben uns im Gegensatz zu diesen Repaircafés, wo es nur ums Reparieren geht, dazu entschieden, dass wir noch diese Wissensworkshops machen, das macht es irgendwie noch lebendiger.» Workshops werden von Freiwilligen geleitet, die dabei Wissen aus ihrem Beruf oder Hobby vermitteln.

Fast 90% der defekten Geräte, die Jürg Sixdorf, Experte für Elektrogeräte, in den vergangenen zwei Jahren im Talent Café begutachtet hat, hätten sich reparieren lassen, sagte er. «Man kann mehr reparieren als man meint, aber Sinn macht es nur bei rund der Hälfte der Geräte vom Aufwand und den Kosten her», schränkte er ein. An diesem Samstag zauberte er einem Jungen ein Riesenlächeln auf das Gesicht, als er dessen großen Spielzeugelefanten wieder zum Leben erweckte. Sieben kaputte Geräte hatten er und sein Kollege an diesem Nachmittag auf dem Labortisch, auf dem allerlei Messgeräte und Werkzeuge aus dem Elektroniklabor stehen.
Was für Gerätetypen werden ins Talent Café gebracht? «Computer, Natel, Smartphones, Spielzeugsachen, akkubetriebene Sachen, Kopfhörer, Walkman, Discman», zählt Jürg Sixdorf auf, verweist Smartphones aber an den «iPhone-Doktor», weil ihre Reparatur spezielle Arbeitsplätze, Beleuchtung und Werkzeuge erfordert. Als Defekte, die er im Talent Café repariert, nennt er: «Ausgelaufene Batterien, abgerissene Kabel, klemmende Schalter, fehlende Schalter, fehlende Kontakte, fehlende Batterien, kunterbunt, die ganze Palette.»

Besuch im Talentcafé

Reparaturen sind kostenlos. Das Talent Café finanziert sich durch freiwillige Beiträge: dazu war ein Strohhut mit der Aufschrift «Kollekte» aufgestellt worden. Den Raum stellt das jenseits IM VIADUKT zur Verfügung und betreibt die Bar. Diese sorgt auch für Gebäck auf den Werktischen. Das jenseits, das sich als offenes Wohnzimmer und als Arbeitsort für Studenten und junge Leute anbietet, entspricht einem kleinen Gemeinschaftszentrum. Nadine Bozzolo, zuständig für Organisation und Kommunikation des jenseits, illustriert: «Tagsüber ist es hier eher ruhig, die Leute können studieren und Kaffee trinken. 11 bis 18 Uhr ist geöffnet. Du musst hier nichts konsumieren, du kannst auch einfach selber etwas mitbringen. Im Sommer ist es sehr schön, die Wiese ist voll mit Leuten und sehr friedlich.»
Dank der im Talent Café zwar völlig unbemerkbaren kirchlichen Trägerschaft des jenseits, die Katholische Kirche im Kanton Zürich, findet einmal im Monat eine Eucharistiefeier statt. Unabhängig davon steht es Menschen jeder Konfession offen. Yoga gibt es für 15.- Franken einmal wöchentlich am Montagabend, und einmal im Monat findet in Anschluss daran für 5.- Franken eine Meditationsstunde statt. An verschiedenen Abenden steht der Bogen 11 & 12 für Konzerte, Workshops, Ausstellungen etc. bereit. «Das Konzept ist für 18- bis 30-Jährige ausgerichtet, das merkt man am Stil, es soll die Jungen ansprechen, aber wir haben auch sehr viele ältere Leute, die hier vorbei kommen, weil sie davon gehört haben und so einen Ort für die Jungen toll finden», führte Nadine Bozzolo aus.


Copyright © Christian Natiez (Schweiz). Foto und Text stehen dem Talent Café, dem jenseits IM VIADUKT sowie der Katholischen Kirche im Kanton Zürich (Bistum Chur) bei Nennung des Fotografen bzw. Autors unbefristet und unentgeltlich zur freien Verfügung.