Sonntag, 22. Februar 2015

«Sie müssen da eigentlich nicht filmen, oder?» (@StadtpolizeiZH)

 

Randale und ein unverhofftes Interview

Zürich, 21. Februar 2015, Samstagabend: die Polizei ist mit Sirenengeheul unterwegs. Schon im Tram hatte eine Durchsage verkündet, «wegen Fußballfans in der Badenerstrasse» werde es am Albisriederplatz umgeleitet.

Ganz in der Nähe des Albisriederplatzes – bei einem dort wohnhaften Bekannten arbeiteten wir an einer Fotoreportage – waren natürlich die ewigen Sirenen der regelmäßig in Richtung Albisriederplatz fahrenden Polizeifahrzeuge nicht zu überhören. Die Häufigkeit warf die schlichte Frage auf, was denn da los ist.
Die Tramdurchsage hatte es bereits angetönt: Fußballfans in der Badenerstrasse. Möglicherweise ließen sich ein paar fetzige, farbenfrohe Videoclips aufnehmen? Den Fotoapparat hatte ich leider nicht dabei, und der Bekannte mochte wegen Müdigkeit nicht mit auf die Straße raus. Doch mein Handyrecorder würde dienen.

Am Albisriederplatz blockierte ein Kordon aus schwarz gekleideten, mit Helmen, Schilden, Körperschutz und teils mit Gummischrotgewehren ausgerüsteten Polizisten den Zugang zur nordwestwärts führenden Badenerstrasse. Hinter ihnen qualmte irgend ein Objekt auf der Straße, daneben stand ein Einsatzfahrzeug von «Schutz & Rettung» (Feuerwehr). In der Dunkelheit und an den Polizeibeamten vorbei war nicht auszumachen, worum es sich beim brennenden Gegenstand handelte. Dahinter waren mehrere Polizeiautos parkiert. Am Kordon vorbei in die Badenerstrasse zu gelangen, schien aussichtslos.

Als weitere drei Einsatzfahrzeuge der Polizei den Albisriederplatz erreichten, johlte eine Menschenmenge am östlichen Ende des Platzes, Pfiffe waren zu hören. Auch auf der Traminsel johlten zwei, drei Männer. Die Minibusse querten den Platz, bogen in die Albisriederstrasse ein und verschwanden westwärts in der Dunkelheit.
 
Warum war die Badenerstrasse von der Polizei abgeriegelt worden? Um dies aufzuklären, war sich erst Zugang zu ihr zu verschaffen, und zwar möglichst an der Polizei vorbei, denn Beamte würden, das war unschwer zu erkennen, keine Personen mehr in die von ihnen gesperrte Straße hinein lassen.
Nach einer kurzen Orientierungspause fand ich einen unbewachten Zugang. Ich wartete sogar einen Augenblick ab, um zu beobachten, ob zwei weitere Passanten, die über diesen Zugang in die Badenerstrasse gelangten, von der Polizei angehalten würden. Da sie unbehelligt blieben, rückte ich schließlich auch auf diesem Weg vor.

Ich fand mich unmittelbar vor einem Zug Polizisten in Ordnungsdienstmontur wieder (siehe Video), die sich offenbar vorbereiteten, angrenzende Wohngebiete zu Fuß zu durchkämmen und dabei insbesondere nach Vermummten Ausschau zu halten, wie eine Aussage des Anführers vermuten ließ («...außer wir treffen auf Vermummte», 0:16 – 0:20 im Video). Jedenfalls fand ich, dass dieser Trupp in Vollmontur (wieder mal) ein fotogenes Bombensujet her gibt: sehr zu bedauern, dass der Fotoapparat zuhause war. Die Handycam musste genügen.

Leider war es nicht möglich, diesen Trupp, der schließlich als Einer- oder Zweierreihe losmarschierte, aus der Nähe zu filmen, als er an mir vorbei ins angrenzende Wohnquartier stiefelte. Denn ich wurde derweil von Zivilbeamten der Stadtpolizei oder der Kantonspolizei Zürich am Filmen gehindert, einmal mehr.
Dafür kam ich unverhofft zu einer Art «Exklusivinterview» mit einem anonymen Polizisten. Dieser legte seine persönliche Sicht der Dinge bezüglich Filmen und Fotografieren von Polizeibeamten dar und sprach, nicht ganz uninteressant, auch gleich für die Randalierer:
Während ich die Kamera auf den Polizei-Trupp gerichtet hatte, sagte plötzlich jemand zu meiner Rechten: «Sie müssen da eigentlich nicht filmen, oder?»
Zwei Zivilbeamte traten unversehens von der Seite an mich heran und blockierten die Sicht auf die Gruppe, die sich jeden Moment in Bewegung setzen würde. «Schalten Sie aus», forderte der Zivilbeamte.
«Schalten Sie bitte aus», wiederholte er, als ich ihn lediglich irritiert ansah. Dann schob er nach: «Es bringt nichts, wenn Sie hier filmen.»
Darauf reagierte ich: «Was genau wollen Sie? Wer sind Sie?»
«Schalten Sie einfach die Kamera aus», meinte er.
Ohne auf seine Forderung einzugehen, wiederholte ich meine Frage: «Wer sind Sie??»
«Von der Polizei», lautete diesmal seine Antwort.
Ich: «Haben Sie einen Ausweis?»
Der Beamte zückte seinen Polizeiausweis aus dem Portemonnaie, hielt ihn mir unter die Nase und sagte: «Ja, voilà.»
Ich: «Danke.»
Beamter: «Ist gut? Jetzt die Kamera ausschalten, bitte.»
Ich: «Aufgrund von welcher...»
Spontan wollte ich fragen, aufgrund von welcher «Verfügung» die Kamera auszuschalten sei, bemerkte aber gerade noch rechtzeitig, dass der Begriff der «Verfügung» an dieser Stelle unpassend wäre und suchte nach einer treffenderen Formulierung, wobei der Beamte aber zuvor kam.
Beamter: «Es bringt einfach nichts im Moment. Dann provozieren Sie die andere Seite, die nicht gefilmt werden will. Und Polizeibeamte finden es auch nicht so cool, wenn sie alle gefilmt werden.»*
Ich: «Also, so viel ich weiß, hat Herr Cortesi... dies klar definiert?»**
Beamter: «Dass man filmen darf?»
Ich: «Ja.»
Beamter: «Ja, das dürfen Sie grundsätzlich schon. Aber es bringt einfach niemandem etwas.»
Inzwischen setzte sich die Polizisten-Gruppe, die ich zuvor gefilmt hatte, in Richtung Brahmshof in Bewegung. Als ich ihnen die Kamera folgen ließ, hielt der Beamte seine Hand wieder auf die Linse. Da diesmal auch die Mikrofone zugedeckt wurden, hört man auf der Aufzeichnung nicht, dass ich in diesem Moment zu ihm sagte: «Schauen Sie, ich kenne das Gesetz.»
Darauf schickten sich auch diese beiden Zivilbeamten zu gehen an. Der zweite sagte dabei: «Sie müssen sich einfach nicht wundern, wenn man [gemeint ist wohl die Polizei] es [das Aufzeichnungsgerät] Ihnen wegnimmt!»
Ich: «Ja, dann können Sie es ja der Staatsanwaltschaft schicken.»
Zweiter Beamter: «Dann ist gut, dann haben sie [gemeint ist wahrscheinlich die Staatsanwaltschaft] vielleicht ja noch Bilder drauf, auf denen man etwas sieht [wahrscheinlich ist die Identifikation von des Landfriedensbruchs verdächtiger Personen aufgrund des Bildmaterials gemeint]
Ich: «Genau.»
Zweiter Beamter: «Adé.»
Ich: «Auf Wiedersehen.»
Die Beamten gingen weiter. Am Standort, an dem ich mich während der Filmaufnahme und dem Gespräch aufgehalten hatte, waren darauf Polizisten zu beobachten, die ein Plastikband der Marke «Polizeisperre» quer über die Straße spannten. Ansonsten bewegte sich wenig. Somit hielt ich das dem Bekannten zuvor abgegebene Versprechen ein, innert einer halben Stunde zurück zu sein.

* Beachte: Die Videoaufnahme fand inmitten des von der Polizei eingenommenen Bereichs der Badenerstrasse statt, unweit ihres mitten auf der Strasse abgestellten und gut bewachten Wagenparks, wie auf der Aufnahme zu sehen ist - von der ominösen «anderen Seite», auf die der Beamte verwies, gab es dort nicht die geringste Spur. Der Hinweis entpuppt sich als substanzlos.
** Marco Cortesi ist Medienverantwortlicher der Stadtpolizei Zürich.

Nachtrag: Beachte auch die in dieser Angelegenheit am 16. März 2015 dem Rechtsdienst der Stadtpolizei Zürich gestellten Fragen und dessen Antworten vom 21. April.
Copyright © Christian Natiez (Schweiz)

Montag, 16. Februar 2015

Besuch im Talent Café

Besuch im Talentcafé

Seit zwei Jahren findet im jenseits IM VIADUKT in Zürich unter dem Motto «reparieren – selber machen – teilen» regelmäßig einmal im Monat an einem Samstag von 15 bis 18 Uhr das Talent Café statt. Rund 25 bis 30 Personen brachten am Samstag, 7. Februar 2015, defekte Geräte und Gegenstände zur Reparatur oder besuchten den Zeichenworkshop.

Wer an diesem Samstag das jenseits IM VIADUKT betrat, sah sich in eine große Werkstatt mit Bar versetzt: rechts vom Eingang wachsten zwei Männerhände gerade ein Snowboard frisch, links saßen zwei Frauen in der Coaching-Ecke auf Sofas und lasen zusammen psychologische Fachliteratur, geradeaus wartete auf dem Nähtisch eine Nähmaschine auf Kleidungsstücke, Taschen und andere Stoffprodukte, auf dem anschließenden Tisch unterzog ein Elektronikfachmann den Laptop eines Mannes einigen Tests und ein zweiter Elektroniker öffnete einen alten Plattenspieler, während vis-à-vis zwei Frauen Specksteine bearbeiteten und ganz hinten, im Licht der Fenster, Frauen und Männer im Zeichenworkshop auf große Papierbogen mit Bleistift Stillleben zeichneten – eine Flasche Wein mit einem Glas.
Einen warmen Empfang bereitete zudem die Bar: Laut Karte bietet sie nebst Bier und Wein auch Mineralwasser, Tee, Kaffee, der mit einem Stück Schokolade serviert wird, und Kuchen – Gebäck fand sich aber auch auf den Werkstatttischen und wurde regelmäßig nachgeliefert.

Besuch im Talentcafé

Zur Absicht hinter dem Talent Café sagte die Organisatorin, Sylvia Sperka: «Das Talent Café ist eine Plattform für die Kultur, dass man Dinge reparieren kann, alten Dingen wieder Leben einhaucht, und sie soll Möglichkeit bieten, das machen zu können. Weshalb eine Kaffeemaschine entsorgen, wenn nur ein Wackelkontakt ist, aber man nicht ran kommt, weil man sie nicht öffnen kann? Da braucht es Fachleute, die wissen wie.»
Ist das Talent Café ein klassisches Repaircafé? Sylvia Sperka sagt: «Die Dachorganisation Repaircafé ist ursprünglich in Holland entstanden und Repaircafés gibt es überall. Unser Projekt ist eigentlich aus dieser Idee heraus entstanden, aber wir haben uns im Gegensatz zu diesen Repaircafés, wo es nur ums Reparieren geht, dazu entschieden, dass wir noch diese Wissensworkshops machen, das macht es irgendwie noch lebendiger.» Workshops werden von Freiwilligen geleitet, die dabei Wissen aus ihrem Beruf oder Hobby vermitteln.

Fast 90% der defekten Geräte, die Jürg Sixdorf, Experte für Elektrogeräte, in den vergangenen zwei Jahren im Talent Café begutachtet hat, hätten sich reparieren lassen, sagte er. «Man kann mehr reparieren als man meint, aber Sinn macht es nur bei rund der Hälfte der Geräte vom Aufwand und den Kosten her», schränkte er ein. An diesem Samstag zauberte er einem Jungen ein Riesenlächeln auf das Gesicht, als er dessen großen Spielzeugelefanten wieder zum Leben erweckte. Sieben kaputte Geräte hatten er und sein Kollege an diesem Nachmittag auf dem Labortisch, auf dem allerlei Messgeräte und Werkzeuge aus dem Elektroniklabor stehen.
Was für Gerätetypen werden ins Talent Café gebracht? «Computer, Natel, Smartphones, Spielzeugsachen, akkubetriebene Sachen, Kopfhörer, Walkman, Discman», zählt Jürg Sixdorf auf, verweist Smartphones aber an den «iPhone-Doktor», weil ihre Reparatur spezielle Arbeitsplätze, Beleuchtung und Werkzeuge erfordert. Als Defekte, die er im Talent Café repariert, nennt er: «Ausgelaufene Batterien, abgerissene Kabel, klemmende Schalter, fehlende Schalter, fehlende Kontakte, fehlende Batterien, kunterbunt, die ganze Palette.»

Besuch im Talentcafé

Reparaturen sind kostenlos. Das Talent Café finanziert sich durch freiwillige Beiträge: dazu war ein Strohhut mit der Aufschrift «Kollekte» aufgestellt worden. Den Raum stellt das jenseits IM VIADUKT zur Verfügung und betreibt die Bar. Diese sorgt auch für Gebäck auf den Werktischen. Das jenseits, das sich als offenes Wohnzimmer und als Arbeitsort für Studenten und junge Leute anbietet, entspricht einem kleinen Gemeinschaftszentrum. Nadine Bozzolo, zuständig für Organisation und Kommunikation des jenseits, illustriert: «Tagsüber ist es hier eher ruhig, die Leute können studieren und Kaffee trinken. 11 bis 18 Uhr ist geöffnet. Du musst hier nichts konsumieren, du kannst auch einfach selber etwas mitbringen. Im Sommer ist es sehr schön, die Wiese ist voll mit Leuten und sehr friedlich.»
Dank der im Talent Café zwar völlig unbemerkbaren kirchlichen Trägerschaft des jenseits, die Katholische Kirche im Kanton Zürich, findet einmal im Monat eine Eucharistiefeier statt. Unabhängig davon steht es Menschen jeder Konfession offen. Yoga gibt es für 15.- Franken einmal wöchentlich am Montagabend, und einmal im Monat findet in Anschluss daran für 5.- Franken eine Meditationsstunde statt. An verschiedenen Abenden steht der Bogen 11 & 12 für Konzerte, Workshops, Ausstellungen etc. bereit. «Das Konzept ist für 18- bis 30-Jährige ausgerichtet, das merkt man am Stil, es soll die Jungen ansprechen, aber wir haben auch sehr viele ältere Leute, die hier vorbei kommen, weil sie davon gehört haben und so einen Ort für die Jungen toll finden», führte Nadine Bozzolo aus.


Copyright © Christian Natiez (Schweiz). Foto und Text stehen dem Talent Café, dem jenseits IM VIADUKT sowie der Katholischen Kirche im Kanton Zürich (Bistum Chur) bei Nennung des Fotografen bzw. Autors unbefristet und unentgeltlich zur freien Verfügung.