Samstag, 6. September 2014

VR-Brillen gehört die Zukunft des Gamens

Virtual Reality (VR) Brillen fristen auf dem Massenmarkt noch ein Nischendasein. Ihnen haftet das Etikett des Experimentellen an. 3D gibt es heute zudem in guter Qualität vor dem Fernseher zuhause und in noch besserer im Kino. “Oculus Rift” ist seit der Übernahme durch Facebook wohl der bekannteste Name aus der VR-Küche, dabei ist das Rift erst in einer Entwicklerversion erhältlich. Doch haben Sony und Zeiss VR-Brillen bereits auf den Markt gebracht – ein Augenschein.

Die Zeiss “Cinemizer OLED” Videobrille ist seit Mitte 2012 auf dem Markt. Gegenwärtig ist sie von Amazon.com für rund 600 Euro zu haben, während die Konkurrenzmodelle von Sony rund 775 Euro (HMZ-T3W), 580 Euro (HMZ-T2) und 460 Euro (HMZ-T1) kosten (nur die do-it-yourself 3D-Kartonbox von Google, Google Cardboard zur Verwendung mit einem Smartphone, geht schon für 8 Euro über den Ladentisch). In der Pipeline sind ”Project Morpheus” (Sony, für PS4), ”Oculus Rift” (Facebook) und ”Gear VR” (Samsung, für Note 4, powered by Oculus).

Kompromiss aus Tragekomfort und Bildqualität

Eine Stärke des Konzepts der am Kopf getragenen 3D-Videobrille oder VR-Brille ist das Eintauchen in den Inhalt, sei es ein Videospiel, sei es ein Film. Störungen, Ablenkungen können zudem gänzlich ausgeblendet werden (Zeiss beispielsweise bietet als Zubehör zur Brille eine Gummimanschette zur lichtundurchlässigen Abdeckung der Augenpartie an, die übrigen Systeme umschließen diese bereits komplett). Die ungebrochene Konzentration der Betrachterin oder des Betrachters eignet sich besonders für die Aufnahme von Informationen beim Lernen und für das Bestehen in Actionspielen, bei denen Konzentrations- und Reaktionsvermögen zählen.
Das größte Problem beim Design von Videobrillen ist der Kompromiss aus Tragekomfort und Bildqualität: Je größer die Bildqualität, desto größer und schwerer die Bildschirme, die Videobrille. Entsprechend dem Gewicht der Videobrille gestalten sich die Befestigungsmechanismen am Kopf. Gut erkennen lassen sich die Bänder am Oculus Rift DK2, das denselben Bildschirm wie das Samsung “Note 3” Smartphone verbaut hat. Im Vergleich zur Cinemizer von Zeiss sind auch die Sony-Brillen größer und schwerer. Diese liefern dafür eine 1280x720 HD-Auflösung pro Auge (das Oculus Rift bietet 960x1080 Pixel pro Auge), während die Cinemizer 870x500 Pixel pro Auge bringt. Bildqualität und Ermüdung der Augen hängen außer von der Bildauflösung noch von weiteren Faktoren des Displays ab, und auch der Tragekomfort trägt je nach Einsatzgebiet und -dauer bedeutend zum Gesamtergebnis bei. Entscheidend für die Eignung eines bestimmten Modells ist sein geplanter Einsatz.

Die Zeiss Cinemizer OLED Videobrille eignet sich aufgrund ihrer leichten, kompakten Bauweise und dem passenden Reiseetui besonders für jene Gruppe von Leuten, die mit ihrem Laptop (oder einem kompatiblen Mobilgerät) jederzeit und überall, auch unterwegs, 3D-Filme filme sehen und Applikationen mit stereoskopischem Output benutzen oder trotz Störquellen in der Umgebung konzentriert Videodokumentationen und -streams in 2D und 3D betrachten. Die kleine, leichte Bauweise und der Tragekomfort gehen auf Kosten der Bildschirmgröße und damit der Auflösung, die unter den Werten der Konkurrenzgeräte liegt. Dafür liegt das Gewicht der Cinemizer-Brille mit zirka 120g wiederum deutlich unter den Werten der Konkurrenz (rund 320g bei Sony HMZ-T2 und HMZ-T3, 440g bei Oculus Rift DK 2).
Das Design der Cinemizer-Brille könnte gerade noch als Schwimmbrille durchgehen - sie fällt zwar auf, ist aber deutlich unscheinbarer als die Konkurrenzmodelle, die eher der Form von Taucherbrillen entsprechen. Apropos, besonders praktisch ist die Cinemizer-Brille im Strandbad, wo Helligkeit und zahlreiche Ablenkungen es erschweren, einen längeren Film mit dem Smartphone zu sehen. Mit der Cinemizer (und Gummimanschette oder einem Tuch über dem Kopf) ist es hingegen kein Problem, an der Sonne einen Film zu sehen.

VR-Brillen, die Zukunft des Gamens

Die 3D-Funktion der VR-Brillen ergibt vor allem im Bildungs- und Videogamebereich Sinn, wenn eindrückliche Visualisierungen vom 3D-Effekt profitieren. Aber weder die Cinemizer noch andere VR-Brillen sind derzeit ein Ersatz für 3D-Kinos. Filmliebhabern, denen es um 3D-Filmvorführung in Kinoqualität geht, gehen am besten ins Kino oder versuchen mit einem entsprechenden Set fürs Wohnzimmer auf ihre Kosten zu kommen.
Auch einen 2D Full HD Film sehe ich lieber auf meinem Smartphone (Super AMOLED, 1920x1080, 16 Mio. Farben, 5.1") als mit der Cinemizer (2x OLED, 870x500, 16 Mio. Farben, simuliert 40" auf 2m Distanz bei 30° Blickwinkel). Die Bildauflösung ist schlicht besser. Nichtsdestotrotz ist es gerade im Bett bequemer, die Videobrille zu tragen statt das Smartphone mit mindestens einer Hand vor Augen zu halten. In der Praxis ziehe ich bei Filmen in Full HD trotzdem die höhere Auflösung und somit das Mobile in der Hand vor. Unersetzlich finde ich die Cinemizer-Brille hingegen beim Lernen mit Filmen, sowohl in 3D als auch in 2D (zwar gibt es noch nicht so viele Bildungsfilme in 3D, aber der 3D-Effekt ist trotzdem eindrücklich, gerade bei Darstellungen zum Beispiel aus der Tiefsee oder dem Universum).

Dass Videospiele wie ”Portal” und ”Portal 2”, die intensiv mit Räumen und Räumlichkeit arbeiten, in 3D (via TriDEF Software) ein ganz anderes Spielerlebnis bieten mit der Cinemizer-Brille als zweidimensional auf dem Monitor, liegt auf der Hand. Inwiefern sie durch VR-Brille ein ganz anderes Spielerlebnis bieten, ist letztlich aber nur erlebbar. Eingefleischten Fans von Portal und Portal 2 empfiehlt sich zu überlegen, ob alleine die Möglichkeit, diese Spiele in 3D zu spielen, nicht Grund genug ist, sich um jeden Preis eine VR-Brille zu holen. Portal 2 in 3D war mit der Cinemizer das absolute Hammererlebnis.
Gamer, die in erster Linie bei sich zuhause mitten in das Geschehen ihrer Games vorrücken wollen, legen möglicherweise eher Wert auf hohe Auflösung als auf Handlichkeit und Portabilität ihrer VR-Brille. An dieser Stelle ist einzuschränken, dass selbst die 120g der Cinemizer-Brille nach zwei Stunden Videospiel in aufrechter Haltung auf Nase und Ohren spürbar waren (und einen Abdruck auf der Nase hinterließen). Doch die Auflösung von 870x500 schien bei Spielen wie "Portal 2" im 3D-Modus ausreichend.

Offen bleiben muss die Frage, ob sich der gegenwärtig stolze Preis von 700 - 1000 Franken und mehr für eine Qualitäts-Videobrille von Zeiss oder Sony rechtfertigt (das Oculus Rift soll 2015 für $200 bis $400 endlich auf den Markt kommen). Letztlich entscheidet die Häufigkeit der Nutzung über den Wert der Anschaffung:

  • Für den Powergamer, für den Videogames das halbe Leben sind, ist die VR-Brille zweifellos ganz einfach ein must-have (Sony arbeitet wohl deshalb bei der "Project Morpheus" an einer VR-Brille speziell für die PS4). VR-Brillen sind die Zukunft des 3D-Gamens.

  • Ob reine Filmliebhaber für diesen Preis mit den heutigen Brillen wirklich einen nennenswerten Mehrwert erhalten, scheint allerdings mehr als fraglich - sie investieren das Geld wahrscheinlich sinnvoller in Upgrades für ihr Heimkino, neue Filme und Kinokarten.

  • Bildungsbürger, die mit Videobrillen Störquellen ausblenden, um sich besser auf den Inhalt von Videodokumentationen zu konzentrieren, oder Applikationen mit stereoskopischem Output verwenden, könnten sich diesen Preis vermutlich eher leisten.

  • Für versierte Freizeit-Drohnenpiloten könnten VR-Brillen als Ergänzung zur Fernsteuerung interessant sein.

  • Wer schließlich kein TV-Gerät zuhause besitzt (und auch keines will), weil sie oder er Filme lieber im Kino sieht und sich mit Nachrichten aus Zeitungen und dem Internet versorgt, nun aber trotzdem auch aus dem Internet ab und zu einen 3D-Film sehen möchte (und die Anaglyph-Methode überholt findet), könnte sich eine VR-Brille als Alternative zu einem TV-Gerät überlegen.

Cinemizer OLED konkret

Die Stärke der Cinemizer-Brille von Zeiss sind leichte und handliche Bauweise, ihre Portabilität im mitgelieferten Reisetäschchen, das in jedes Handschuhfach passt.
Ihre “Schwäche” ist die gegenüber anderen Modellen etwas geringere Auflösung. Sie skaliert höher aufgelöste Bilder unbemerkt auf 870x500 Pixel:

  • Ob side-by-side (SBS) oder top-bottom (TB), 3D-Filme als Hauptanwendungsgebiet für stereoskopische Videobrillen kommen pro Auge stets in horizontal oder vertikal halbierter Auflösung (und entsprechend verzerrt) daher: 960x1080 bei Full HD SBS, 640x720 bei HD SBS (1920x540 bei Full HD TB, 1280x360 bei HD TB); einzig im Anaglyph-Verfahren dreidimensional dargestellte Filme sind von dieser Einschränkung nicht betroffen, aber dazu benötigt man keine 1000-Dollar-Videobrillen sondern eine Anaglyph-Brille für $2. Die Cinemizer skaliert sie jedenfalls alle auf 870x500 Pixel pro Auge herunter.

  • 2D Full-HD-Filme verlieren durch die Skalierung von 1920x1080 auf 870x500 am meisten Auflösung, 2D HD-Filme werden von 1280x720 auf 870x500 reduziert.

  • Filme in SD-Qualität (DVD) haben eine Auflösung von 720x576 im europäischen PAL- und von 720x480 im amerikanischen NTSC-Format, nur bei PAL gibt es eine geringfügige Reduktion der Bildqualität.

Der Gesichtsfeld-Ausschnitt, den die Projektionsfläche bei der Cinemizer einnimmt, ist mit 30° kleiner als die 45° der VR-Brillen von Sony und unterliegt auch dem Oculus Rift DK2, dessen außergewöhnliche Stärke mit mehr als 90° gerade das Gesichtsfeld zu sein scheint (je größer das von der Projektionsfläche eingenommene Gesichtsfeld, desto tiefer das vermittelte Eintauchen).
Ist die Hauptaufgabe nicht Wiedergabe von Filmen und -Videospielen in HD und Full HD, ist der in der Praxis durch die Skalierung auf 870x500 Pixel zu registrierende Auflösungsverlust in meinen Augen zu vernachlässigen. Wer jedoch Filmgenuss in höchster Qualität begehrt, ist mit einem hochwertigen, großen Plasmabildschirm im Wohnzimmer besser bedient als mit VR-Brillen, eigentlich generell (auch vom sozialen Aspekt her).
Völlig ungeeignet sind auf 870x500 Pixel herunter skalierte, im Original wesentlich höher aufgelöste Bilder, die Texte enthalten. Videospiele mit Texteinblendungen sind problemlos spielbar, wenn sie auf eine geringe Auflösung (800x600, 1024x768) eingestellt sind und die Skalierung durch die Cinemizer entfällt oder nur geringfügig ist.

Wer Bildungsfernsehen liebt und beim Betrachten einer Sendung Ablenkungen möglichst ausblenden will, ist mit der Cinemizer OLED gut bedient. Die Brille lässt sich an Apple iPhones und an Android-Mobilgeräte mit HDMI-Ausgang anschließen. Damit und gerade auch dank der schlanken Bauweise und dem Reiseetui kann sie faktisch überall und jederzeit benutzt werden.
Die Möglichkeit, 3D-Filme in diversen Formaten (SBS, TB, line interleave) zu sehen, trägt zur Anwendungsbreite bei (mangels Einstellbarkeit der HDMI-Parameter an den für diesen Test verwendeten Samsung Galaxy Mobilgeräten SM-G900F und SM-P605 ließ sich die 3D-Funktion der Brille mit ihnen nicht nutzen, denn die Cinemizer unterstützt bei 1080p 24Hz HDMI-Eingang keine 3D-Funktion). Die Cinemizer-Brille liefert gute 3D-Qualität. Getestet wurden 3D-Filme von YouTube via HDMI-Ausgang des Laptops bei einer Monitorauflösung von maximal 1366x768. Im SBS-Modus erreichten die 3D-Filme, sowohl HD als auch Full HD, aufgrund der Beschränkung des Laptops also eine maximale Auflösung von 683x768 Pixel pro Auge (die Cinemizer-Auflösung von 870x500 Pixel wurde bei 3D-Filmen in der Breite also nicht voll erreicht).


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