Donnerstag, 19. Juni 2014

Luege, lose, laufe

Eine kleine Verkehrskunde (im Umgang mit der VBZ)

"Fotografieren ist hier verboten!"
Heute morgen hatte ich einen kleinen Disput mit einem Buschauffeur der Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich (VBZ).


Für den Weg zur Arbeit benutze ich normalerweise den öffentlichen Verkehr. Und ebenso normalerweise überquere ich (als Stadtkind) die Straßen der Stadt nicht über Fußgängerstreifen, außer ich bin krank oder hätte etwas alkoholisches getrunken - dann benutze ich selbstverständlich prinzipiell ausschließlich die Fußgängerstreifen, ansonsten aber eigentlich nur, wenn sie gerade am Weg liegen (oder wenigstens keinen allzu großen Umweg erfordern).
Aus Prinzip (und vor allem aus rechtlichen Gründen; beachte bitte auch die allgemeinen Nutzungsbestimmungen dieses Blogs, insbesondere Ziff. 4 betr. Haftungsausschluss) wird aber dringend davon abgeraten, es mir gleich zu tun (ausgenommen natürlich das Benutzen des öffentlichen Verkehrs, dies sei euch unbenommen).

Luege, lose, laufe

Das Motto "luege, lose, laufe" gilt bei mir angesichts meiner städtischen Sozialisierung um so mehr. Ich überquere eine Straße nicht einmal bei Grün über den Fußgängerstreifen, ohne einmal kurz links und rechts zu gucken - es gilt, wie beim Autofahren, jeweils den Kopf zu "spicken", denn wie der obligate kurze Blick in den Rückspiegel bei Spurwechseln im Straßenverkehr Unfällen vorbeugt, so schützt der kurze Blick links und rechts beim Überqueren einer Straße vor möglicherweise herannahenden Gefahren wie Velos, Motorroller oder PKW, die ein Rotlicht überfahren haben. Grün bedeutet nicht automatisch, dass nicht irgendein Vollidiot nicht doch ein Rotlicht überfährt - nur zieht der Fußgänger gegenüber einem PKW (aber auch gegenüber einem Fahrrad) grundsätzlich den Kürzeren. Umsicht zahlt sich auch auf Zebrastreifen und bei Grün aus.

Die Straße, an der die Bushaltestelle bei meinem Arbeitsort liegt, überquere ich demnach meistens abseits des Fußgängerstreifens, wenn das Verkehrsaufkommen gering ist, uns zwar jeweils vorne, an der Front des Busses vorbei, bevor dieser weiter fährt. In der Regel verlassen viele Leute den Bus, sodass er jeweils ein Weilchen steht und ich, wenn ich unter den ersten Aufsteigern bin, genug Zeit habe, die Straße zu überqueren, bevor er weiter fährt.
Wenn ich die Straße vor der Weiterfahrt des Busses überquere, nehme jeweils kurz Blickkontakt mit den Buschauffeuren und -chauffeusen auf, um mich zu vergewissern, dass sie nicht gerade losfahren werden (und darauf folgt jeweils noch ein Blick auf die Straße hinter dem Bus, um sicher zu gehen, dass nicht trotz Verbots doch ein Auto naht, wobei der Verkehr in diesem Moment ohnehin hinter dem Fußgängerstreifen wartet, bis die ganze Menge an Menschen, die gerade aus dem Bus ausgestiegen ist, den Fußgängerstreifen überquert hat, aber Vertrauen ist gut, Kontrolle besser).

Im falschen Film

Zwar bewege ich mich mit meinem Stil in gewissem Sinn "off-road", stelle damit aber in keiner Weise per se eine Behinderung des Verkehrs oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer dar und begehe ebenso wenig per se eine andere Verkehrsregelwidrigkeit. Wenn beispielsweise ein Fußgänger beim Überqueren einer Straße abseits eines Fußgängerstreifens gegenüber Fahrzeuglenkern den Vortritt erzwingen würde, dann läge eine Verkehrsregelverletzung vor. Oder würde ich einen Bus an der Abfahrt hindern, läge eine Verkehrsregelwidrigkeit vor. Das Problem bei einem Unfall bestünde abseits eines Fußgängerstreifens - Unfälle passieren aber leider auch auf Fußgängerstreifen! - im Allgemeinen aber vor allem im rechtlichen Umstand, dass Fußgänger beim Überqueren einer Straße abseits des Fußgängerstreifens keinen Vortritt haben.

Heute stiegen nur zwei, drei Leute aus dem Bus aus (ich war auf einem späteren Bus als sonst). Deshalb fuhr der Bus auch wieder los, bevor ich die Straße überquerte. Ich hielt auf dem Bürgersteig inne, als ich seine Abfahrt registrierte. Der Blickkontakt mit dem Chauffeur war heute aber ziemlich säuerlich: Der Typ sah mich an, fuhr los, hielt auf meiner Höhe wieder an, sah zu mir und machte mit beiden Händen die bekannte Wischbewegung vor dem Gesicht, die geistige Zurückgebliebenheit signalisiert.
In diesem Moment überprüfte ich innerlich rasch, wo ich stand: auf dem Bürgersteig, ich hatte ihn nicht verlassen, war stehen geblieben, als sich der Bus in Bewegung setzte. Ich hatte keinen Fehler gemacht. Aber der Chauffeur wird meine Absicht natürlich erkannt haben. Denn obwohl ich noch auf dem Bürgersteig stand, war ich der Straße zugewandt, die ich ja überqueren wollte, es war für Außenstehende leicht zu erkennen, dass ich die Straße zu überqueren beabsichtigte.
Zwar fühlte ich mich nun "im falschen Film". Ich ließ mich von der Gestik des Chauffeurs aber erst mal nicht provozieren, wartete einfach, dass er weiterfährt. Dann könnte ich auch die Straße überqueren. Aber der Bus blieb stehen, der Chauffeur grinste und glotze mich an. Offenbar wartete er auf eine Reaktion auf seinen Provokationsversuch.

Die Behinderten-Keule

Nach zirka 5 - 7 Sekunden bedeutete ich ihm mit Gestik weiterzufahren (indem ich entsprechend mit der Hand in seine Fahrtrichtung wedelte). Nun öffnete er die Türe und setzte zu sprechen an. Ich kam ihm aber zuvor und herrschte ihn an: "Fahr ab!" Doch anstatt die Türe wieder zu schließen und weiterzufahren (er hätte ja eigentlich seinen Fahrplan einzuhalten gehabt), setzte er nochmals zu sprechen an. Ich sofort wieder: "Fahr ab!" Dazu zeigte ich nun mit der ausgestreckten Rechten in seine Fahrtrichtung.
Glaubte er wirklich, dass ich ihm zuhören würde, nachdem er mich zuerst mit vulgärer, herabsetzender Gestik zu provozieren versucht hatte? Nein, darum ging es ihm nicht. Denn er doppelte nach. "Sie haben heute morgen das falsche Tablettchen genommen, was?" antwortete er und kicherte (vermutlich bezog er sich auf meine zweimalig recht ungehalten angebrachte Weisung, "abzufahren"). "Wie bitte!? Das geht jetzt klar zu weit!" lautete meine aufgebrachte Antwort.

Mir war augenblicklich klar, womit ich es mutmaßlich zu tun hatte: mit sogenannt "gutbürgerlicher", kuhschweizer Arroganz gegenüber Menschen mit Behinderungen, womöglich auch gegenüber Menschen ausländischer Herkunft, Frauen, religiösen Minderheiten etc. Das Übliche eben, das man erwarten kann, wenn Kuhschweizer die Behinderten-Keule schwingen (in diesem Fall zuerst Gestik, die die Unterstellung geistiger Zurückgebliebenheit bedeutet, dann eine Anspielung auf Medikamenten-Konsum).
Leider ist die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung - u. a. indem Pathologisierungen überhaupt zur Herabsetzung der sozialen Geltung eines Menschen herangezogen werden, aber auch indem Menschen mit Behinderungen offen verhöhnt werden (ich möchte wirklich nicht wissen, was Menschen mit sichtbaren Behinderungen vom kuhschweizer Mob alles anhören und über sich ergehen lassen müssen) - in der Schweiz eine verbreitete Unsitte, selbst in sogenannten "besten Kreisen". Im Jahr 2009 sah sich sogar das Schweizerische Bundesamt für Sozialversicherungen zu einer kontroversen Aufklärungskampagne veranlasst.

Ein Meldefall

Nachdem der Chauffeur sein Sprüchlein über "Tablettchen" fahren lassen hatte, versuchte er sofort die Tür wieder zu schließen. Er wirkte hastig, aber ich kam ihm wieder zuvor und war schon im Bus neben dem Führerstand, als sich die Tür hinter mir schließlich schloss. Ich erklärte ihm, dass ich nun noch eine Station mitfahre, um seinen Namen zu notieren, und dass ich mich über ihn beschweren werde. Ich setzte mich, nahm mein Mobiltelephon hervor, und er fuhr wieder los.
Während der Fahrt dachte ich laut: "Ich hatte schon einmal Probleme mit einem Buschauffeur, aber..." Er ließ mich nicht ausreden. "Aha, dann sind sie ja wohl schon bekannt bei uns", unterbrach er und kicherte wieder. "...aber das war vor 20 Jahren, und seither gab es keine Zwischenfälle mehr, außer mit ihnen jetzt", setzte ich meinen lauten Gedanken seelenruhig fort (was ich ihm nicht sagte: vom Zwischenfall damals war ich selber nicht betroffen, ich war damals Zeuge eines Zwischenfalls mit einem ZVV-Chauffeur und zwei Fahrgästen aus Südosten).

An der nächsten Haltestelle notierte ich seinen Nachnamen. Den Vornamen wollte er partout nicht nennen, verdeckte sogar das Namensschild mit der Vornamensinitiale. Das gehe mich nichts an, rechtfertigte er sich. Etwas entnervt aktivierte ich darauf die Kamera des Mobiltelefons und nahm ihn "ins Visier", worauf er aufbegehrte: "Fotografieren ist hier verboten!" Dazu hielt er die Hand vor die Linse. Nach dem Fotoshooting wies er mich an, rasch aufzusteigen: "ich muss weiter fahren". Während ich ausstieg sagte ich ruhig, eindringlich zu ihm: "Sie müssen sich bewusst sein, dass das so nicht geht."
Darauf rief ich die VZB an (Hauptsitz, keine 0848-Nummer wie die offizielle Nummer des VBZ-Kundenservices) und wurde mit dem Kundendienst des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) weiter verbunden, als ich bestätigte, dass ich mich beschwere und man den betreffenden Chauffeur möglicherweise aus dem Verkehr nehmen muss. Zu meiner Freude wurde ich sofort verbunden (keine Warteschlaufe).

Der ÖV ist auf Rückmeldungen angewiesen

Obigen Sachverhalt brachte ich in gedrängter Form mündlich vor und betonte, dass jemand mit mehr Temperament auf die provozierende Gestik gegen den Chauffeur vielleicht tätlich geworden wäre, dass ich aber in der Schweiz sozialisiert wurde und mich deshalb einfach brav bei der VBZ telefonisch beschwere. Die Provokation wäre aber auch meiner Ansicht nach Anlass gewesen, dem Chauffeur eine zu kleben (wenn wir in einer anderen Kultur wären).
Zum Schluss hielt ich fest, dass der betreffende Chauffeur möglicherweise sofort aus dem Verkehr zu nehmen ist (je nach Ursache seines Fehlverhaltens, zum Beispiel Alkohol), dass sein Verhalten nach meinem Gutdünken jedenfalls unabhängig von der Ursache nicht normal war. Das Gespräch schloss ich mit der Befürchtung, dass der Chauffeur die Vorwürfe vielleicht bestreiten wird. Die Kundendienst-Mitarbeiterin beruhigte aber, dass es auf jeden Fall ein Gespräch zwischen dem betreffenden Chauffeur und einem Vorgesetzten geben wird und dass solche Rückmeldungen für den ZVV auf jeden Fall wichtig sind.

Wenn sich voneinander unabhängige Beschwerden über einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin häufen, kann man intervenieren. Deshalb ist es wichtig, dass der ZVV bzw. die VBZ Rückmeldungen überhaupt erhält, ungeachtet der Frage, ob Vorwürfe eingestanden oder bestritten werden


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