Montag, 19. September 2011

Vandalen-Party in Zürich

Streifzug durch eine Krawall-Party

Am Samstag, 17. September 2011, sollte am Central in Zürich eine illegale Party im Freien stattfinden. Sie wurde von der Polizei aufgelöst und mündete in massive Sachbeschädigungen um den Hauptbahnhof.


Schon um 22.30 Uhr war überall in der City von Paradeplatz bis Hauptbahnhof verstärkte Polizeipräsenz sichtbar. Der Anlass begann, wie von den anonymen Veranstaltern angekündigt, um 23.30 Uhr. Kurz darauf wurde der Tram- und Busverkehr unter Hinweis auf eine Party am Central umgeleitet. Von der Rudolf-Brun-Brücke aus war die Silhouette der aussergewöhnlich grossen Menschenmenge, die sich auf der Bahnhofbrücke und am Central aufhielt, gut zu sehen.
Am Limmatquai gab es einige wenige Gruppen von Polizisten. Niederdorf und Limmatquai waren an diesem Samstag gut besucht, die wenigen behelmten und beschildeten Beamten fielen in den dichten Menschentrauben selbst in ihren blauen Overalls kaum auf. Einzig der Beamtenkordon, der den Zugang vom Central ins Niederdorf abriegelte, bildete eine Attraktion für die Niederdorfbesucher.

DSC_5485
DSC_5507

Am Central selbst war aus den mobilen Lautsprechern der Veranstalter Techno-Musik zu hören. Bis etwa 23.45 Uhr hatten sich mehrere hundert Partyteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie Schaulustige und Passanten eingefunden. Relativ rasch reagierte nun aber die Stadtpolizei, als sie Einheiten auf der Bahnhofbrücke und am Limmatquai zusammenzog und um zirka 23.50 Uhr diese auf das Central vorrücken sowie den Wasserwerfer, der in der Weinbergstrasse am Central in Wartestellung war, auf den Platz fahren liess (11.52 Uhr). Der Sound verstummte plötzlich.
Zu hören waren dafür nun Geschrei, Hektik, Polizeisirenen, rennende Polizeistiefel, Rufe, der Strahl des Wasserwerfers und die dumpfen, klirrenden oder scheppernden Geräusche von Wurfgegenständen, die Strasse oder Fahrzeuge wie den Wasserwerfer trafen. Knallpetarden der Krawallmacher und Schüsse aus Gummischrot-Flinten donnerten. Die Polizei nahm dabei schon am Central einige Verhaftungen vor, wobei auch zivile Fahnder zum Einsatz kamen. Doch dauerten die Scharmützel um den Hauptbahnhof bis rund 1.30 Uhr an. Um 2.00 Uhr war die Lage wieder unter Kontrolle.

DSC_5530
DSC_5550
DSC_5565
DSC_5544
DSC_5547

Vermummte männliche Jugendliche warfen am Central Steine, Flaschen, Baustellenmaterial und skandierten verachtende Parolen gegen die Polizei. Politische Inhalte waren darin keine auszumachen.
Eine grössere Gruppe von Krawallmachern hatte sich beim Anmarsch der Polizeieinheiten rechtzeitig in den Hirschengraben und über die Treppe auf die Mauer über dem Hirschengraben zurückgezogen, von wo aus sie Gegenstände gegen die Beamten, den Wasserwerfer und auf die Strasse warfen.

DSC_5598

Hie und da riefen auch zwar nicht vermummte, aber teilweise sichtbar alkoholisierte männliche Jugendliche gegen die Polizei gerichtete Beschimpfungen, vereinzelte griffen sich Gegenstände vom Boden, um sie gegen die Beamten zu schleudern, viele von ihnen erst 15, 16 Jahre alt. Dass sie dabei vor die Linsen nicht nur einiger Fotografen sondern auch des uniformierten Filmteams der Polizei tanzten, war ihnen kaum bewusst. Abgesehen von diesen spontanen Antipathiebekundungen einiger zumeist sehr junger Unvermummter gegenüber der Polizei war keine Solidarisierung von Passanten mit den Krawallmachern festzustellen. Das Nachtleben im und ums Niederdorf ging weiter.

Als ein Tross Krawallmacher die Polizeieinheiten am Central von der Bahnhofbrücke aus angriff, stürmten der Wasserwerfer gefolgt von einem Zug Polizisten die Brücke. Die Chaoten nisteten sich darauf um den Hauptbahnhof auf dem Bahnhofplatz und um die Tramhaltestelle am Bahnhofquai ein, von wo aus sie die Beamten weiter mit Gegenständen bewarfen und Knallkörper abfeuerten. Die Polizei antwortete mit Gummischrot und Reizgas oder setzte den Wasserwerfer ein.
Weil der Bahnhofplatz für den Verkehr teilweise offen blieb, gerieten auch immer wieder Fahrzeuge zwischen die Fronten und liefen Gefahr, von Steinwürfen getroffen zu werden. Passanten mussten hingegen Umwege suchen, weil die Bahnhofbrücke nicht passierbar und das Bahnhofquai mit Reizgas eingenebelt war.

DSC_5642

Schätzungsweise eineinhalb bis zwei Stunden dauerte die Auseinandersetzung zwischen Vandalen und Polizei am Central und danach um den Hauptbahnhof am Bahnhofquai und auf dem Bahnhofplatz. Dabei wurde die Tramhaltestelle Hauptbahnhof am Bahnhofquai vollständig verwüstet. Die Bahnhofstrasse hatte die Polizei hingegen mit Fahrzeugen und einem Wasserwerfer gegen den Bahnhofplatz abgeriegelt.
Wer zum Hauptbahnhof wollte, musste deshalb den Umweg über die Löwenstrasse gehen.Auch auf dem Bahnhofplatz tobten junge Vandalen, und die Polizei hatte die Bahnhofstrasse bis hinauf zur Pestalozziwiese gesperrt.

Im Shopville bot sich etwas überraschend kein Bild der Zerstörung, doch hing beissend Reizgas in der Luft. Wer um zirka 1.30 Uhr vom Shopville die Rolltreppe in den Hauptbahnhof stieg, fand sich oben vor einem teils mit Helmen, Schilden und Gummischrot-Flinten ausgerüsteten Trupp Bahnpolizisten. Im Hintergrund bellte ein Polizeihund an der Leine.
Die Beamten liessen überhaupt niemanden mehr in den Bahnhof hinein, obwohl hinter ihnen der für diese Uhrzeit an einem Wochenende üblich lebendige Betrieb herrschte: Am Express-Buffet stehen Menschen Schlange, vor den Geleisen warten Passagiere auf ihre Nacht-Züge nachhause, ganz im Hintergrund bewirtet ein italienisches Bahnhofscafé seine Gäste und auch Kebab ist am Stand zu haben.
Plötzlich war im Hintergrund aber auch das Krachen von Gummischrot-Flinten oder Knallpetarden zu hören, vermutlich um die Ecke in der Bahnhofshalle. Wer auf den Zug wollte oder ein Sandwich, hatte Pech.

Festung Hauptbahnhof

Auch das Filmen dieser Szene beim Bahnhofeingang untersagten die Beamten: "Kamera weg!" rief ein Bahnpolizist. Ein anderer kam darauf aus dem Nichts auf mich zu, wand mir unvermittelt den Arm auf den Rücken, hiess mich mitzukommen und schob mich an eine Wand. Darauf nahm mir sein Kamerad die Kamera aus der Hand, die auf meinen Rücken gepresst wurde. Dann hiess es: "Ausweiskontrolle!" Dazu liess er meinen Arm los. Allerdings wurde die Aufzeichnung durch den Beamten oder bei der Abnahme der Kamera beendet.
Nachdem er mir meinen Ausweis zufrieden zurückgegeben hatte, wollte der Beamte den Film löschen. Er wolle nicht sein Gesicht auf dem Film haben, sagte er. Ich erwiederte freundlich, dass das Gerät unverzüglich auszuschalten sei und von mir aus eingezogen und dem Staatsanwalt übergeben werden könne (der übliche Dienstweg bei Löschbegehren von Beamten). Hierauf erhielt ich mein Gerät wieder und durfte gehen, allerdings noch immer nicht in den Bahnhof sondern zurück ins Shopville hinunter. Das Filmen der Szene beim Bahnhofeingang wurde untersagt.
Unten angekommen stand ich gleich wieder vor einem Trupp Polizisten, diesmal Zivilfahnder der Stadtpolizei, einige mit Fotoapparaten, Pfeffersprays und olivgrünen Berghelmen, andere mit Polizei-Sturmhauben, Kapuzen oder Velohelmen, alle den Krawallmachern zum Verwechseln ähnlich, einige auch Fotografen ähnlich. Diese Polizisten liessen mich die Szene aber wenigstens Filmen. Einem Beamten tränten stark die Augen. Er wusste, dass ich keine Portraitaufnahmen machen darf, empfahl mir aber, seine Augen zu filmen. Er wusste nicht, was die Reizung der Augen verursachte. Er sagte, dass er alles - Pfefferspray, Tränengas und Steine - abbekommen hatte. Ein Teil seiner Gruppe bewegte sich in Richtung Railville, der Untergrundbahnhof, die anderen gingen nach oben, wo ich gerade zuvor am Filmen gehindert worden war.


Zugang zum Bahnhof gewährte schliesslich der Eingang bei der Sihlpost. Dort gab es überhaupt keine Polizei. Unten im Hauptgebäude jedoch hatte sich das Filmteam der Stadtpolizei inmitten der Menschen aufgebaut.Eine Reihe von Bahnpolizisten riegelte die Bahnhofshalle und den Zugang beim Shopville ab. Die Situation war ruhig.
Vor dem Platzspitzpark gegenüber dem Hauptbahnhof war ein sehr grosses Polizeiaufgebot zu beobachten. Es sah so aus, als ob dutzende eingekesselte Verdächtige festgenommen würden.Die Prozedur dauerte länger. Derweil war es inzwischen möglich, von der verwüsteten Tramhaltestelle am Bahnhofquai einen Augenschein zu nehmen. Weder am Bahnhofplatz noch am Bahnhofquai waren jetzt noch Krawallmacher anzutreffen.

Die Haltestelle war von einer Horde Vandalen heimgesucht worden: Ein Container war angezündet worden, das Plastikmaterial schien mit dem Asphalt verschmolzen. Alle städtischen Abfalleimer an der Haltestelle waren aufgebrochen, teilweise angezündet und ihr Inhalt über die Haltestelle verteilt worden. Die Billetautomaten wiesen alle Brandspuren auf, mehrere Scheiben waren zertrümmert. Die Zeitungsautomaten und -ständer waren alle beschädigt, angezündet, gekippt und verrückt, einzelne Sitze der Haltestelle aus ihren Verankerungen gerissen und verschwunden. Überall lagen Scherben, Steine und Abfälle. Doch nachdem Entsorgung und Recycling Zürich einen Sondereinsatz geleistet hatte, war um 6.00 Uhr nicht mehr viel von diesem Bild der nächtlichen Verwüstung zu sehen.

DSC_5669
DSC_5672

Auch auf den umliegenden Strassen gab es Scherben, Pflastersteine, Baustellenmaterial, Plakatständer, Velosattel, Gartenstühle. An verschiedenen Orten um den Hauptbahnhof waren parkierte Fahrräder und Motorräder umgestossen worden. Beim Einkaufszentrum Coop war an der Ecke Bahnhofbrücke-Bahnhofquai ein Minibus der Stadtpolizei auf die Seite gekippt worden. Die Stadtpolizei schätzt den Schaden auf 100'000 bis 200'000 Franken und die Kosten für den Einsatz auf 250'000 Franken.

DSC_5689
DSC_5646

Die unbekannten Organisatoren hatten via SMS und Internet zur illegalen Party im Zentrum von Zürich aufgerufen, nachdem sie schon eine Woche zuvor, am 10. September, eine illegale Party, die zwischen Bellevue und Bahnhof Stadelhofen in einen Krawall mit wüsten Vandalenakten ausgeartet war, steigen lassen hatten.
Die Zürcher Medien hatten ausgiebig über den Anlass am 10. September berichtet. Die Organisatoren des Anlasses hatten darauf für den 17. September Treffpunkt Central angekündigt. Sie erwarteten laut Medien rund 800 Besucher, nachdem am 10. September schon rund 1000 Personen ans Bellevue gepilgert waren. Ob sich diese hohe Besucherzahl halten liesse, musste dahin gestellt bleiben, weil nicht auszuschliessen war, dass sich ein grosser Teil der Partyteilnehmer vom 10. September durch die damalige Auseinandersetzung mit der Stadtpolizei, Vandalismus, Gewalt auch gegen Feuerwehr und Sanität sowie Verletzten abgestossen fühlten und einer neuen Veranstaltung dieser Art am 17. September fern bleiben würden. Klar war jedoch, dass sich auch am 17. September gewaltbereite, vor allem männliche Jugendliche, welche den gewaltsamen Konflikt mit der Polizei, den Krawall suchen, unter die Nachtschwärmer mischen würden. Infolge der Ausschreitungen vom 10. September waren allenfalls aber auch vermehrt durch die Medien über Zeit und Ort der "Party" am 17. September informierte Gaffer zu erwarten.

Die Krawallmacher waren weder der gewaltbereiten Fussballfan- noch der linksautonomen Szene klar zuzuordnen. Inhalte, die sie nebst Vandalismus und Hass gegen die Polizei eindeutig charakterisieren, liessen sie nicht erkennen.
Einzig die unbekannten Partyveranstalter hatten mehr nicht-kommerzielle Freiräume für Jugendliche gefordert, konkret das Recht, ihre bisher illegalen und von der Polizei jeweils aufgelösten Partys legal zu veranstalten. Diese Forderung legten sie denn auch den Veranstaltungen am Bellevue und am Central zugrunde. Dass mit der Spur der Verwüstung, die diese Partys an zwei aufeinander folgenden Wochenenden hinterlassen haben, und dem sinnlosen, gefährlichen, gewalttätigen Verhalten der Krawallmacher keine Sympathien zu gewinnen sind, ist offensichtlich.


Copyright © Christian A. Natiez (Schweiz)