Sonntag, 13. März 2011

Linksfeministischer Spaziergang durch Zürich

Friedliche Demo zum 100. Frauenkampftag durch Zürich

Am Samstag, 12. März, zogen rund 200 Personen in einem linksautonomen Demonstrationszug durch die Zürcher Innenstadt zum Helvetiaplatz. Es gab weder Sachschäden noch Katz-und-Maus-Spiele mit der Polizei. Der Zug war unter dem Motto „Frauenkampf überall“ unterwegs.

An diesem Samstagnachmittag hatte ich eigentlich ein ganz anderes Ausflugsziel: Das sonnige Wetter am Morgen hatte mich gegen Mittag aus dem Haus gelockt. Auf nach Zürich, um zu fotografieren! Kaum war ich unterwegs, zogen auch schon Wolken auf. Das altbekannte Grau bedeckte den Himmel. Wo ich doch in den letzten Wochen schon so viele Graufotos geschossen hatte! Was will ich denn noch mehr davon?
Ich ließ mich vom Wetterstreich nicht beirren, setzte mich in den 5er Richtung Fluntern. Als er ins Bellevue einfuhr, erblickte ich auf der Sechseläutenwiese (oder was von ihr noch übrig ist) sechs Mannschaftswagen der Stadtpolizei und darin und darum herum in blauen Overalls gekleidete Beamte: eine Krawalleinheit. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort also? Mein Interesse war geweckt: Krawallbilder sind stets von größtem öffentlichen Interesse. Ich änderte spontan meinen Plan und sprang aus dem Tram, um zu den Polizeiautos zu schlendern.


Außer den Beamten war in der Umgebung nichts, was auf einen Krawall hingedeutet hätte, auszumachen – keine Fotografen mit Telelinsen, keine Kameras, keine Gruppen von schwarz Gekleideten, keine Al-Fatah-Tücher, kein Knallen von Gummischrotgewehren, keine tränengasverhangenen Straßen. Keine Trillerpfeifen. Keine Vuvuzelas. Kein Skandieren und kein Rufen. Keine Menschenansammlungen. Es wirkte alles wie sonst. Für Stadtverhältnisse an einem Samstagnachmittag war alles ruhig.
Vielleicht war ich zu spät? Ein Demonstrationszug war bereits vorbei gezogen oder eine unbewilligte Demo schon aufgelöst? Ich hatte keine Lust, die Stadt zu Fuß nach einer Handvoll renitenter Chaoten abzusuchen, die eventuell irgendwo mit der Stadtpolizei Katz-und-Maus spielten. Womöglich hatten sie sich ins Niederdorf verzogen und machten nun dort die Gegend unsicher? Ich hatte auch keine Lust, die Beamten zu fragen, wo die Demo unterwegs ist. Nicht dass ich kontaktscheu wäre. Aber mir knurrte gerade der Magen – zuerst war einmal Mittagessen angesagt. Wenigstes dies verlief nach Zeitplan.

Rund eine halbe Stunde später waren die Beamten von der Sechseläutenwiese verschwunden. „Da war wohl nichts“, dachte ich und schickte mich an, wieder in den ursprünglichen Tagesplan einzuschwenken, als eine VBZ-Durchsage an der Tramhaltestelle Bellevue mir unverhofft die nächsten Koordinaten vorgab: Limmatquai. Denn dieses war nun infolge eines Umzugs für den Tramverkehr gesperrt.
Kaum war die Durchsage verhallt, schossen auch schon drei Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene aus dem Limmatquai und bogen in scharfer Linkskurvenfahrt in die Rämistrasse ein, um ihre Fahrt unvermindert schnell in Richtung Heimplatz fortzusetzen.
 
Am Limmatquai wirkte indessen wie schon am Bellevue und am Stadelhofenplatz alles wie gewohnt. Es hatte allenfalls selbst für einen Samstagnachmittag viele Menschen auf der Straße. Der sonnige Morgen hatte wohl noch manche wie mich aus dem Haus gelockt? Vor dem Zürcher Rathaus sah ich sie dann erst mal von hinten, die Menschenansammlung von rund 200 Personen mit Transparenten.
Aus Lautsprechern tönte Musik und hallten Worte, die soziale Ungerechtigkeit geißelten. Die Demonstration wirkte sehr geordnet. An der Polizeibegleitung – ein einzelnes Polizeiauto schirmte den Pulk gegen den Straßenverkehr ab – schien sich trotz der roten Fahnen, die in der Menge geschwenkt wurden, niemand von den Demonstrationsteilnehmern zu stören. Ein Krawall war dies mitnichten: Eine Frau sprach durch ein Megaphon und Musik spielte, hin und wieder johlte die Menge und zollte ihr Beifall.

Worum ging es? Da mir unbekannt war, für welche Anliegen genau diese Menschen auf die Straße gehen, näherte ich mich der Menge an. Die Rede war gerade vom Sozialabbau. Darauf las ich auf einer Tafel, die jemand in die Höhe hielt: „Männer an den Herd!“ Langsam schweifte nun mein Blick erst einmal über die Menschenmenge. Dass da keine Männer waren, war mir noch gar nicht aufgefallen. Da waren fast ausschließlich Frauen.
Diverse Transparente und Poster raubten jede Illusion: Dies war kein Frauen-Fasnachtsverein, der für Gleichberechtigung an der Fasnacht auf die Straße ging. Nein, dies sah ganz nach einem Trupp militanter Kampffeministinnen aus. „Oh Schreck, oh Graus“, durchfuhr es mich, und ich wollte unvermittelt das Weite suchen, ehe ich in einem großen Hexenkessel lande und bei lebendigem Leib gekocht werde.


Einen Moment lang kämpfe ich mit meinen männlich gestrickten Gefühlen: Ich unterdrückte ein herrliches Auflachen, das sich gut hörbar Luft verschaffen wollte. Schließlich besann ich mich auf meine Objektivität und hörte einfach einmal zu.
Und ich hörte, was die Stimme forderte: Gleichberechtigung. Nieder mit dem Kapital. Weg mit „Nazismus“. Oder sprach sie von Narzissmus? Weg mit den Antifeministen! Stopp der Ausbeutung. Gegen Sozialabbau. Für Frauenrechte!


Ich war an eine typisch linksradikale Demo geraten, an der typische Forderungen der Linksautonomen über Megaphon und Spruchbänder den Weg an die Stadtöffentlichkeit finden. Es war genau jene Art von Zusammenrottung, von der man sich aber auch gewohnt ist, dass sie irgendwann entgleisen und in Sachbeschädigungen und Konflikte mit dem Ordnungsdienst der Stadtpolizei ausarten würde.
Zunächst schien es nur eine Frage der Zeit, wann Flaschen und Steine in die eine Richtung und Tränengasgranaten in die andere Richtung fliegen würden. Einhalt. Eines war in dieser Konstellation gewiss: Es würde mit Garantie keinen Krawall, keine Sachbeschädigungen und keine Nachdemo geben, dämmerte es mir. Denn eine Demonstration ohne Männer wird kaum gewalttätig entgleisen – und wenn sie noch so linksautonom ist. Das ist so gut wie ausgeschlossen.

 
Eine Demo ohne Halbstarke und junge Erwachsene männlichen Geschlechts und auch ohne Alkoholisierung ist wie Frieden auf Erden. Selbst mit Kampffeministinnen. Genau so sollte es auch kommen: Der erzlinke Demonstrationszug zog später beispielsweise friedlich am McDonalds-Restaurant beim Globus vorbei, ohne dass wie verschiedentlich schon bei Ausschreitungen Scheiben der Fastfood-Kette zu Bruch gingen.
Man stelle sich vor, ein inhaltlich gleich linksautonom gelagerter aber geschlechtlich gemischter Demonstrationszug wäre am Samstagnachmittag durch die Bahnhofstrasse und am McDonalds vorbeigezogen... Erfahrungsgemäß wären Sachbeschädigungen zu erwarten. Nicht so bei dieser Frauendemo.

Nicht dass diese Frauen, die da auf die Straße gingen, so daher kamen, als wäre gut mit ihnen anzubandeln: ihre Position war deutlich feministisch. Die Sprecherin sagte aber auch klar, dass es nicht darum gehe, gegen Männer zu hetzen, sondern dass die Frauenrechte zu stärken seien. Die Rede war vor allem von der Situation von Frauen in Entwicklungsländern. Es ging weniger um die Rechte der Frauen in der Schweiz als viel mehr die weltweite Situation der Frau.
Vom Rathaus zog der Demonstrationszug über die Gemüsebrücke in die Bahnhofstrasse bis zum Globus. Über Lautsprecher erklang noch immer Musik, die den ganzen Umzug begleiten sollte, die Sprecherin skandierte linksfeministische Kampfparolen, beispielsweise dass Vergewaltigung Folter ist und dass Ausschaffung ebenso Folter ist, dass keine Frau illegal ist.

Da mein ursprünglicher Tagesplan nun ohnehin endgültig aus der Schiene geworfen war, entschied ich, dem Umzug zu folgen. Ich wollte mehr wissen. Ich wollte hören, was diese Frauen beschäftigte. Aus unerfindlichen Gründen interessierte mich das Anliegen dieser Demo nun wirklich. Nicht zuletzt gaben die Frauen, die da auf die Straße gingen, und ihr Umzug aber auch ein viel fotogeneres Sujet für die Kamera her als, einmal mehr in den letzten Monaten, schichtwolkengraue Zürcher Stadtgemäuer oder ein ebenso grauer Zoobesuch.
Es ließe sich über diese Demo auch bloggen, dachte ich. Kundgebungen sind nicht nur dann von öffentlichem Interesse, wenn die Fetzen fliegen. Sie sind erst recht interessant, wenn sie ihre Botschaft störungsfrei vermitteln. Und so kam es, dass ich dem Umzug bis zum Helvetiaplatz folgte. Nicht auf Schritt und Tritt natürlich. Einfach mal hier, mal da, mal näher, mal ferner, mal woanders. Denn was hätte schon ich persönlich mit (Kampf-)Feminismus am Hut?




Es überrascht, dass ein linksautonomer Demonstrationszug, der während einem Zwischenhalt sogar die RAF würdigt, gewaltfrei verläuft. Die Sprecherin verwies auf die gegenwärtig aktuellen neuen RAF-Prozesse in Deutschland und darauf, dass dabei Frauen mit Beugehaft bis zu sechs Monaten bedroht würden. Aber diese Feststellung war nur ein Detail dieses Umzugs.
Das eigentliche Anliegen der Frauen ging aus den Transparenten klar hervor. Slogans wie „Männer an den Herd“, „Pflege entlasten statt entlassen“, „Gestern-Heute-Morgen: Frauenkampf überall“ oder „Feuer und Flamme dem Patriarchat“ und dergleichen suggerierten, dass man es mit einer Horde kampflustiger Feministinnen zu tun hat. Es ging ihnen aber nicht um mehr Privilegien für Schweizer Mittelschichtfrauen, sondern sie kreideten die Unterdrückung der Frauen und ihrer Rechte wie auch soziale Ungleichheit, die vielerorts auf diesem Planeten Alltag sind, an. Sie skandierten immer wieder: „Internationale Solidarität!“ Sie forderten Freiheit und Gleichheit für Frauen weltweit.

Erfahrungsgemäß sind linksautonome Demos affin für Sachbeschädigungen und Konflikte mit der Polizei, Tränengas und Wasserwerfer inbegriffen. Einzig eine einsame Handvoll jüngerer Aktivistinnen versprayte eine Zeughaus-Mauer auf dem Kasernenareal. Daneben klebten sie ein Poster des revolutionären Aufbaus an die Mauer. Juristisch betrachtet könnte es sich dabei theoretisch um eine Sachbeschädigung handeln.
Da die Mauer an der betreffenden Stelle und auch an anderen Stellen ohnehin schon versaut war, gibt es keinen ersichtlichen Anlass zu hysterischen Reaktionen auf die Kreativität dieser Frauenrechtlerinnen. Ihr Vorgehen löste bei mir denn auch eher Schmunzeln aus: Die Wandverzierung ist nichts im Vergleich zu dem, was männliche Demoteilnehmer an Destruktion abzuziehen imstand gewesen wären. Im Übrigen verlief der Umzug absolut geordnet und diszipliniert.


Frauendemo zum 8. März (internationaler Frauenkampftag)
Auf dem Helvetiaplatz bedankte und verabschiedete sich die Sprecherin. Sie bot den Teilnehmerinnen zum Schluss das Mikrophon für Mitteilungen an alle an – aber nur den Frauen. Deren Anteil am Umzug dürfte freilich mehr als 99% betragen haben.
Mein Samstagnachmittagausflug war spontan ganz anders als geplant und dabei sehr lehrreich verlaufen. Dank einer Ausgabe der sozialistischen Zeitung “Vorwärts”, die mir freundlicherweise kostenlos überlassen wurde, konnte ich mich noch genauer über den Hintergrund der Kundgebung informieren: am 8. März war das 100. Jubiläum des internationalen Frauenkampftages gefeiert worden.




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